Alt sei er. Ein weißer Mann sei er. Altherrenwitze erzähle er. Aus der Zeit gefallener Dinosaurier sei er.

Twitter/X und die deutsche Medienlandschaft haben heute eine Menge über Thomas Gottschalk zu sagen. Nicht ganz unschuldig daran dürfte seine Abschiedsnachricht in der gestrigen Folge “Wetten, dass…?” gewesen sein, in der er unter Anderem auch davon sprach, dass er lieber gar nichts mehr sage, bevor er ständig Angst vor Shitstorms haben müsse.

Laut ZDF haben diese Sendung 12,13 Millionen Zuschauer verfolgt. Für etwas, das laut vielen Tweets doch keine Sau mehr interessiere und niemanden vorm Ofen hervorlocke, ist das nicht unbeachtlich.

Von Shitstorms und dem, was man nicht mehr sagen darf

Aber was hat Gottschalk denn überhaupt so Böses gesagt, dass Twitter und die deutschen “Altmedien” kein gutes Haar an ihm lassen wollen?

Ich habe im Fernsehen immer gesagt, was ich zu Hause auch gesagt habe. Inzwischen rede ich zu Hause anders als im Fernsehen. Und das ist auch keine dolle Entwicklung. Bevor hier ein verzweifelter Aufnahmeleiter hin- und herrennt und sagt: ‚Du hast wieder einen Shitstorm hergelabert‘, da sage ich lieber gar nichts mehr.

Sinngemäßes Zitat Gottschalks

Man kann es ihm nicht verdenken. Alles ist heute Nazi, frauenfeindlich oder anders böse. Wer einzig, weil er es als Kind schon so nannte, heute noch Mohrenkopf oder Negerkuss sagt, ist ein Rassist. Wer sich noch zufrieden lächelnd ein Zigeunerschnitzel gönnt, ein Unmensch. Wahlweise transphob oder mindestens mal frauenfeindlich, wer in Frauensaunen keine Penes sehen möchte. Fremdenfeindlich, wer – wie es in den meisten Ländern auf dem Planeten absoluter common sense ist – gerne möchte, dass Migration kontrolliert vonstatten geht.

Ein bedenkenlos dahergesagtes Bonmot hier, ein achtlos gemachter “Dadjoke” dort – man ist schnell persona non grata für die woke, diverse Gesellschaft von heute. Toleranz ist ein zweischneidiges Schwert, denn wenn man es mit ihr ernst meint, muss man entweder auch Dinge tolerieren, die nicht in das eigene Weltbild passen oder zugeben, dass einem das doch zu schwierig ist. Gefühlt 75% der Kommentare, die sich heute unter den Hashtags #Gottschalk und #wettendass finden, zeigen dies dann doch sehr deutlich: mit Toleranz hat man es bei den Toleranten nicht so. Der gesammelte Geifer und Hass der Toleranten sammelt sich unter diesen Hashtags. Der “alte weiße Mann” solle sich endlich einbalsamieren lassen, sei ein aus der Zeit gefallener Dinosaurier und es sei eine Schande, dass man ihn das überhaupt hat sagen lassen. Dass die meisten Kommentatoren ihm damit Recht geben und beweisen, dass stimmt, was er sagte, ist die cherry on top.

Wäre ich so alt wie Gottschalk, hätte ich darauf auch keine Lust mehr. Eigentlich habe ich das ja jetzt schon nicht.

Die Hybris der Guten spielt immer mit

Dabei ist auch hier wieder eine absolut bemerkenswerte Portion Hybris mit im Spiel. Denn in Bezug auf das Alter können manche Helden der Guten locker mithalten. Campino, Gröhnemeyer, Lindenberg, es gibt im Showbusiness genügend Dinosaurier, auch bei denen, die ins woke, gute Horn blasen. Nicht jeder ist so alt wie Gottschalk, manche sind jünger – aber nicht wesentlich, manche sogar älter.

Und auch das Thema Feminismus ist, wie immer, mit dabei. Frauenfeindlich sei er, der alte weiße Gottschalk. Grandsigneurhaftigkeit wirft ihm die FAZ gar vor. Und manch Twitterkommentar bemängelt, dass so einer doch gar nichts mehr im Fernsehen von heute zu suchen habe. Zur selben Zeit schwingt Heidi Klum auf Instagram vor einem Millionenpublikum ihre fast 60 Jahre alten Brüste durchs Bild und alle applaudieren der starken, selbstbewussten Frau. Der Punkt sind jetzt nicht Heidi Klums Brüste, da gibt es schlimmere Anblicke. Der Punkt ist die Hybris, mit der hier beides getrennt wird. Wenn Gottschalk sich treu bleibt, ist das böse und kritikwürdig. Wenn Andere für Klicks und Fame jeden Scheiß mitmachen, ist das respektabel und bewundernswert.

Alt. Alt ist auch eine Cher, an der seit locker 50 Jahren kaum noch ein Körperteil unbehandelt und unoperiert sein dürfte. Aber sie macht ja auch keine Altherrenwitze und als Frau ist sie ohnehin bar jeder Kritik. Oder Shirin David, die dafür gefeiert wird, wie sie Thomas Gottschalk “zerlegt” habe. Ich finde Shirin David nicht hübsch. Im Gegenteil, sie ist für mich der Prototyp von “Ohne Skalpell und mit 3 Liter weniger Makeup bestimmt eine wunderschöne Frau.“. Ist aber Geschmackssache und irrelevant. Ihr Business versteht sie. Das ist Fakt. Sie versteht die Rolle, die sie spielt und sie spielt sie perfekt.

Traurige Entwicklung – von Bres und Brudis und Sluts und Bitches

Sprache verändert sich. Gesellschaft verändert sich. Nicht immer gefällt jedem diese Veränderung.

Bleo hier ist z.B. eine Vertreterin dieser neuen, deutschen Gesellschaft, die u.A. auch von Shirin David repräsentiert wird.

Bleo, spricht deutsch. Wirklich.

Nun steht Bleo, wie jedem Anderen auch, natürlich ihre eigene Meinung zu. Und in unserem Land, dafür haben die Gründerväter der Republik, auf die diese neue Generation gerne spuckt und schimpft, mit dem Grundgesetz gesorgt, darf sie diese auch frei äußern. Man kann dies nun natürlich auch in beleidigendem Ton tun, wie hier. Allerdings sagt mir das mehr über Bleo, als über Gottschalk.

Generell tue ich mich schwer damit, diese diverseste, beste und offenste aller Generationen noch zu verstehen:

ich kann mit ihren struggles relaten” klingt für mich so absurd und kaputt, wie vermutlich aktuelles formales Deutsch für Menschen aus dem Mittelalter klingen dürfte. Ob das, was diese Bres und Brudis und Bitches leben und darstellen, wirklich so viel besser ist, als der alte weiße Mann Gottschalk, darf bezweifelt werden.

Ich persönlich habe “Wetten, dass…?” vor rund 20 Jahren das letzte Mal, eher zufällig beim Zappen, gesehen. Ich kann mit Gottschalk selbst wenig anfangen, wie ich generell mit übermäßig affektiert wirkenden Celebs oft nichts anfangen kann. Bei seinem Abschiedsgruß gebe ich ihm allerdings völlig Recht. Ihr hyped jeden Furz unnötig zum Shitstorm hoch und verliert darüber jedwede Relation. Stünde ich im Rampenlicht, wie er, hielte ich auch lieber meine Klappe.

Zum Glück tue ich das nicht. Ich kann Euch noch offen und ehrlich sagen, was ich davon halte, Ihr wohlstandsverwahrlosten Spinner.

Von badidol

badidol wurde 1981 geboren. Er arbeitet seit fast 20 Jahren im und am Internet als Community Manager (fast 15 Jahre beim selben Arbeitgeber), Social Media Manager, Moderator und verkauft dabei Eskimos Kühlschränke. Er spricht fließend Sarkastisch. In der Jugend linke Socke, als junger Erwachsener eher sozialliberal und mittlerweile von konventionellen Schubladen genervt. Atheist, Pragmatiker und Realist.

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