Als “Das älteste Gewerbe der Welt” wird sie hin und wieder bezeichnet und tatsächlich gibt es sie schon so lange, dass sich Aufzeichnungen und Erwähnungen dazu unter Anderem um 2000 v.Ch. bei den alten Babyloniern und Phöniziern finden lassen. Bei den alten Griechen finden sich dann auch Überlieferungen zu Prostituierten ohne geistlichen Hintergrund, den sogenannten πόρνη (lautsprachlich porni), den “Huren” und den ἑταῖρα (lautsprachlich etera), den “Gesellinnen”.

Die Rede ist natürlich von der Sexarbeit.

Neu trifft alt – Sexarbeit im Informationszeitalter

Auch alte Berufe profitieren von den Errungenschaften des Informationszeitalters. Insbesondere im Hinblick auf die Kundenakquise können gut geplante Internetauftritte und Präsenzen auf den gängigen Social Media Kanälen einen großen Unterschied machen.

SeLA – Selbstbestimmt Leben und Arbeiten

Heute ist alles ein wenig anders. Heute geht es nicht um eine Sexworkerin oder einen Sexworker, sondern um eine Beratungsstelle:

SeLA – Selbstbestimmt Leben und Arbeiten berät anonym, freiwillig und kostenfrei Menschen, die in der Sexarbeit tätig sind oder es werden wollen. Den Kontakt hat Letizia dankenswerterweise ermöglicht.

SeLA versteht Sexarbeit, das beschreiben sie auch auf ihrer Seite, als eine freiwillig erbrachte, sexuelle Dienstleistung. Sexarbeit, so SeLA, muss als soziale Realität wahrgenommen und als Arbeit anerkannt werden. Dabei gilt zu beachten, dass hier klar zwischen Menschenhandel, Gewalt und erzwungener Sexarbeit und der freiwilligen und gegenseitig einvernehmlichen Sexdienstleistung zu unterscheiden ist.

SeLA bietet dabei Hilfestellung bei unterschiedlichen Themen rund um die Sexarbeit an und unterstützt und berät bei Gewerbeanmeldung, Krankenversicherung, Berufswechsel, persönlicher Sicherheit, aber auch, wenn es um ganze elementare Fragen der Sexarbeit geht, wie z.B. “Wir bringe ich Familie, Partnerschaft, Erziehung und die Sexarbeit in Einklang?” oder auch vermeintlich simple, aber grundlegende Dinge wie “Umgang mit den Kunden/Gästen/Freiern”. Auf Wunsch begleitet SeLA die Sexworker auch zu Behörden und sozialen Einrichtungen.

Sandra von SeLA war so freundlich, mir ein paar Fragen zu beantworten.

Tobias:

Hallo Sandra, ich freue mich sehr, dass Sie sich Zeit für dieses Interview genommen haben. Sexarbeit ist ja doch eher immer noch ein tabuisiertes Themenfeld mit vielen Vorurteilen. Über Sex spricht man nicht, über Sexarbeit noch weniger. Die meisten denken dabei immer noch an Zwang, Zuhälter und eher nicht an selbstbestimmte Berufswahl. Woran liegt das Ihrer Meinung nach?

Sandra:

Da dreht sich ganz viel auch um die Vorstellung der Gesellschaft von Sexualität und Moral. Dass auch Frauen vielleicht einfach Spaß am Sex haben und nicht jede Frau unbedingt immer nur mit dem selben Partner Sex haben möchte, kommt in der Vorstellungswelt vieler Menschen einfach nicht vor. Unsere Klientinnen sind in der Regel alles Menschen, die selbstbestimmt und ganz bewusst die Entscheidung für diesen Beruf getroffen haben. Dass das immer noch Menschen überrascht, liegt auch vielleicht daran, dass Sexarbeit als völlig normaler, legaler Beruf auch noch gar nicht so alt ist in Deutschland. Unsere Klientinnen sind mündige Menschen, die wissen, was sie tun und so beraten wir auch: parteilich und mit der Zufriedenheit der Klienten im Blick.

Tobias:

Wie schwer ist es dabei für Sie, die eigenen Vorstellungen in den Hintergrund zu stellen, wenn die Klientin mit etwas glücklich ist, was Sie selbst vielleicht nicht so toll finden?

Sandra:

Überhaupt nicht. Ich berate parteilich und immer mit der Klientin im Sinn. Das muss für die Klientin passen. Wenn es das tut, ist das für mich absolut in Ordnung.

Tobias:

Sie sprechen es ja an: die Vorstellung der Gesellschaft von Sexualität und Moral spielt da mit rein. Live and let live ist offenbar immer noch schwierig, oder?

Sandra:

Naja, wer “normal” ist, wird ja in Ruhe gelassen 🙂

Spannend wird es, wenn einer von dem abweicht, was die Gesellschaft als “normal” zu akzeptieren bereit ist. Da werden unter Umständen schnell wieder die eigenen Moralvorstellungen zum vermeintlichen Standard erhoben, anstatt Menschen selbstbestimmt und nach Ihrer Fasson leben zu lassen.

Jeder Mensch ist anders, jedes Bedürfnis ist speziell

Im Gespräch mit Sandra stellte sich sehr schnell heraus: SeLA will einen klientenorientierten Weg gehen. Das ergibt auch Sinn: am Ende geht es eben nicht um die eigenen Vorstellungen und Ideen, sondern darum, was die Klienten benötigen. Das ist Sandra auch wichtig, ihre Aufgabe ist nicht die Erziehung, sondern die Beratung. Ihre Klienten sind mündige Erwachsene. Sie will die Menschen, die sich an sie wenden, unterstützen und sie nicht verändern. Ganz klassisch im Sinne der sozialen Beratungstätigkeit: wenn es für die Klientinnen passt, rücken die eigenen Vorstellungen in den Hintergrund.

Dabei geht es SeLA auch tatsächlich um Beratung: man begleite zwar die Klientinnen gerne zu Behördengängen und co., aber das Ziel, betont Sandra, sei immer, zu beraten und nicht zu übernehmen und am Ende für die Sicherheit zu sorgen, dass das künftig auch ohne Hilfe geht. SeLA kümmert sich dabei in aller Regel auch nicht um den Typus Sexworker, von dem wir bisher in der Interviewreihe erfahren haben. SeLAs Klienten haben häufig keine eigene Webseite, kein eigenes Studio, keinen Twitteraccount, sind aber auf Seiten wie z.B. rotlicht.de angemeldet. Viele kommen aus Osteuropa oder anderen europäischen Ländern und können nur wenig Deutsch und benötigen vor Allem Hilfe mit der deutschen Bürokratie.

Tobias:

Nehmen wir einmal an, ein junger Mann oder eine junge Frau kommt zu Ihnen und sagt “Ich möchte Sexarbeit machen.”. Wie kann man sich denn so eine Beratung vorstellen?

Sandra:

Einstiegsberatung kommt vor, ist aber bei uns eher sehr selten. Viele unserer Klientinnen haben den Einstieg oft bereits länger hinter sich und brauchen Beratung und Hilfe zu ganz konkreten Fragestellungen. Aber natürlich bieten wir auch eine Einstiegsberatung. Im Grunde kann man sich die wie eine ganz normale Berufsberatung vorstellen, wie man sie auch bei Berufsinformationszentren oder anderen Stellen erhalten kann, nur eben mit dem Fokus Sexarbeit. Wir klären über alles rund um die Sexarbeit auf. Es gibt ja viele diverse Formen der Sexarbeit, vom Straßenstrich über Haus- und Hotelbesuche, Bordelle, eigene Studios oder Modell- und Terminwohnungen. Regelmäßige Sexarbeit oder nur hin und wieder mal. Escort Service oder reine Sexdienstleistungen ohne Drumherum. Alleine darüber muss man sich ja erstmal klar werden: welche Form von Sexarbeit möchte ich anbieten?

Dann sprechen wir auch über Mental Health, Arbeitsbedingungen, aber auch die Gefahren. Wir beschönigen da nichts, sondern sprechen einfach all das an, was man auch bedenken und in seine Entscheidung miteinbeziehen sollte. Teilweise natürlich eben auch ganz grundlegende, formale Dinge wie Gewerbeanmeldungen, Steuererklärungen, das Ausfüllen des Finanzamtsbogens bei der Anmeldung der Sexarbeit und vieles mehr. Auch noch viel grundlegendere Dinge wie Haushaltsführung oder Buchhaltung, ganz simple Basics wie “Schreib dir auf, was du für den Job kaufst.” oder “Schreib dir auf, wieviele Kunden du an dem Tag hattest und wieviel du pro Kunde verdient hast.”, Buchführung eben.

Tobias:

Im Grunde kann man eigentlich sagen, dass Sie ihren Klientinnen helfen, sich langfristig selbst zu helfen, oder?

Sandra:

Ja, das kann man so sagen. Wir leisten Hilfe zur Selbsthilfe. Unser Ziel ist dabei auch einfach, eine gewisse Professionalisierung zu erreichen. Denn letztlich geht es genau darum: professionelle Sexarbeit. Sexarbeit ist und bleibt eben eine Arbeit.

Digital Natives und Sexwork – wenn zwei Welten sich treffen

SeLA passt nicht so ganz in die Reihe. Das habe ich auch während des Interviews gemerkt. Denn SeLA kümmert sich nicht vornehmlich um den “Friede-Freude-Eierkuchen“-Teil der Sexarbeit, mit dem ich bislang durch die Interviews in Berührung gekommen war. SeLA ist meist da, wo es nicht so gut läuft. Wo die Sexworker nicht professionalisiert sind und nicht schon von vornherein Bescheid wissen über Gewerbe, Selbständigkeit, Steuererklärungen, Anmeldungen und den ganzen Rest der bundesdeutschen Bürokratie. Die Fragen, die sich meinen bisher üblichen Interviewpartnern stellten, stellen sich den Klientinnen von SeLA nicht. Die Klientinnen von SeLA haben andere Sorgen als Twitterfollower und Vermarktung durch Klickzahlen; ihre Bedürfnisse sind weitaus mehr basic und grundlegend.

SeLA ist dabei mit vielen anderen, ähnlichen Beratungsstellen im Bufas organisiert, dem Bündnis der Fachberatungsstellen für Sexarbeiterinnen und Sexarbeiter.

Von badidol

badidol wurde 1981 geboren. Er arbeitet seit fast 20 Jahren im und am Internet als Community Manager (fast 15 Jahre beim selben Arbeitgeber), Social Media Manager, Moderator und verkauft dabei Eskimos Kühlschränke. Er spricht fließend Sarkastisch. In der Jugend linke Socke, als junger Erwachsener eher sozialliberal und mittlerweile von konventionellen Schubladen genervt. Atheist, Pragmatiker und Realist.

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