Als “Das älteste Gewerbe der Welt” wird sie hin und wieder bezeichnet und tatsächlich gibt es sie schon so lange, dass sich Aufzeichnungen und Erwähnungen dazu unter Anderem um 2000 v.Ch. bei den alten Babyloniern und Phöniziern finden lassen. Bei den alten Griechen finden sich dann auch Überlieferungen zu Prostituierten ohne geistlichen Hintergrund, den sogenannten πόρνη (lautsprachlich porni), den “Huren” und den ἑταῖρα (lautsprachlich etera), den “Gesellinnen”.

Die Rede ist natürlich von der Sexarbeit.

Neu trifft alt – Sexarbeit im Informationszeitalter

Auch alte Berufe profitieren von den Errungenschaften des Informationszeitalters. Insbesondere im Hinblick auf die Kundenakquise können gut geplante Internetauftritte und Präsenzen auf den gängigen Social Media Kanälen einen großen Unterschied machen. Heute durfte ich mit einer Sexworkerin über die Tücken und Vorteile von Onlineauftritten, die Bedeutung der Digitalisierung für ihren Job und Einiges mehr sprechen.

@DichJasmin

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Jasmins Avatar bei Twitter
© https://twitter.com/kulicel

In ihrem Twitterprofil nennt Jasmin sich selbst “Zimtfluencerin” und “Großstadtbewohnerin”. Sie ist jung, frisch, keck und nimmt kein Blatt vor den Mund. Ihre Follower lieben sie für viele Dinge: sei es ihr Sexworklexikon, ihre Anekdoten aus ihrem Arbeitsleben oder ihre kreativen Beschreibungen des Essens anderer Twitternutzer unter Kantinen- und Essenstweets.

Neben lustigen und “alltäglichen” Tweets informiert Jasmin aber auch immer und immer wieder unerlässlich über Sexwork, Abolitionismus, Hybris und den Umgang mit Sexwork seitens Politik und Gesellschaft. Unermüdlich, verständlich und offen räumt sie dabei mit Vorurteilen und Unwahrheiten auf. Das tut sie für mittlerweile immerhin über 49.000 Follower, Tendenz weiter steigend.

Hin und wieder lässt Jasmin ihre Follower auch an manchmal spannenden, manchmal merkwürdigen und manchmal auch lustigen Anekdoten aus ihrem Arbeitsleben teilhaben, wie dieser hier:

https://twitter.com/DichJasmin/status/1449392224710582282?s=20

Eine Gratwanderung, denn dabei besteht natürlich immer ein Restrisiko, dass sich ein Kunde wiedererkennt. Die Frage, wie das für sie mit der Selbstmoderation bei solchen Tweets ist und viele weitere hat Jasmin mir freundlicherweise beantwortet.

Tobias:

Hallo Jasmin, schön, dass Du Dich zu diesem Interview bereit erklärt hast. Du bist Sexworkerin und gehst auf Twitter damit sehr offen um. War das von Anfang an leicht für Dich?

Jasmin:

Eigentlich ja. Ich habe mich ja von Anfang an entschieden, anonym zu schreiben und deshalb auch darauf geachtet, meine Identität zu schützen. So brauchte ich nicht zu befürchten, versehentlich vor meinen Eltern geoutet zu werden, die damals ja noch nichts von meinem Beruf wussten. Umgekehrt brachte das aber auch das Problem mit sich, zu vermeiden, dass sich eventuell Kunden wieder erkennen könnten. Aber ich hatte keine besonders großen Erwartungen an Twitter und nicht damit gerechnet, dass es mehr als ein paar Leute auf Dauer interessieren würde. Und ich dachte auch nicht, dass ich über Jahre täglich twittern würde. Hätte ich gewusst, wie sich das entwickelt, hätte ich wahrscheinlich gar nicht erst damit begonnen, weil es gefühlt ein, zwei Nummern zu groß wäre.

Tobias:

Du schreibst in deinem Twitterprofil extra “Suche keine Kunden!”. Nutzt du andere, explizit dafür ausgelegte Onlineangebote hierfür?

Jasmin:

Richtig. Für mich war vom ersten Moment klar, dass ich Twitter als rein privates Ventil haben möchte, wo ich mir keine Gedanken machen muss, ob etwas meinem Marktwert schaden könnte, etwa weil ich mich politisch äußere. Ich bin dadurch komplett unabhängig und mache das, worauf ich gerade Lust habe. Trotzdem gibt es selbstverständlich auch die berufliche Seite. Ich habe Profile auf den gängigen überregionalen und regionalen Portalen. Insgesamt ist es für mich Ergänzung, weil ich über einen sehr festen Kundenstamm verfüge, der mich auch weiterempfiehlt. So habe ich ein Verhältnis von etwa 2/3 offline und 1/3 online. Natürlich sind die Grenzen fließend, denn ich nutze ja auch Kommunikationsmittel wie WhatsApp für die Terminabsprachen und die Kontaktpflege mit den Stammkunden und wenn diese mich empfehlen, werde ich ebenfalls dort angefragt. Ohne Internet zu arbeiten, ist schwer vorstellbar für mich.

Tobias:

Als noch sehr junge Frau bist Du letztlich mit dem Internet und den Möglichkeiten der Digitalisierung groß geworden. Würdest Du ganz allgemein sagen, dass Du es leichter hast, als Kollegen und Kolleginnen, die schon etwas länger im Business sind und diese Möglichkeiten nicht hatten?

Jasmin:

Klar, ich musste mir viele Dinge nicht erst beibringen, weil sie schon immer zu meiner Welt gehörten. Bekäme ich heute zum ersten Mal ein Smartphone in die Hand oder sollte versuchen, mich im Internet zu bewegen, wäre das eine ziemliche Herausforderung. Natürlich eine lösbare, aber wenn man es ohnehin sein ganzes Leben lang schon ganz selbstverständlich nutzt, ist die Hürde gar nicht erst da. Umgekehrt hätte ich wahrscheinlich ziemliche Probleme, ohne all diese Dinge auszukommen. Schon ein Taxi zu rufen wäre eine Herausforderung, wenn nur ein Festnetztelefon da wäre und man die Nummer nicht googeln kann. Ich bin ziemlich froh, in der heutigen Zeit zu leben.

Tobias:

Du schreibst auf Twitter hin und wieder mal über Erlebnisse aus deinem Berufsalltag. Wie lange sitzt du an einem Tweet, bis du ihn dann auch tatsächlich absendest? Oder ist dir das mittlerweile schon ins Blut übergegangen und du moderierst dich da schon während des Schreibens automatisch?

Jasmin :

Beides. Das reine Schreiben ist ja nicht das Problem, sondern es so zu machen, dass nicht versehentlich durch die Wortwahl ein falscher Eindruck entsteht. Es gab schon ein paarmal den Fall, wo ich eine nette Geste oder Bemerkung eines Kunden aufgeschrieben habe und viele das falsch verstanden und teilweise wirklich böse kommentierten. Da fehlt eben der Kontext und die Atmosphäre, in der es sich abspielte und so wirkte es dann ganz anders. Das versuche ich dann bei ähnlichen Fällen zu berücksichtigen und feile etwas mehr an der Formulierung und schreibe ev. einen Satz zur Einordnung dazu. Nur gelingt das trotzdem nicht immer. Die andere Sache ist, dass sich wie schon angesprochen kein Kunde wiederkennen soll. Auch wenn es komplett harmlos und nett war, könnte es trotzdem sein, dass der Kunde beim nächsten Mal ein unangenehmes Gefühl hat, weil er immer im Hinterkopf die Befürchtung hat, wieder bei Twitter zu landen. Das kann genauso auch Neukunden abschrecken, die mich dann lieber gar nicht erst buchen. Auch deshalb ist mir die Anonymität wichtig. Und wenn ich über Erlebnisse bei der Arbeit schreibe, dann in den meisten Fällen mit etwas zeitlichem Abstand und kleinen Änderungen, wobei der Kern aber erhalten bleibt. Aus einem Termin mit Heinz im Hotel am Sonntag, bei dem er was Witziges über Nelken sagt wird dann eben in zwei Wochen ein Besuch bei Ben zuhause und ihm ist was zu Tulpen eingefallen.

Tobias:

Welchen Einfluss hat der Faktor “Online” auf deine Arbeit?

Jasmin :

Ich bemühe mich, für meine Kunden stets schnell erreichbar zu sein, das ist nur mit modernen Kommunikationsmitteln machbar. Genauso ist es für Sicherheitsaspekte wichtig, dass mein Handy funktioniert, u.a. wenn mich meine Freundin covert. Und natürlich hat das Internet auch marketingtechnisch immer einen Einfluss, selbst wenn man auf Anzeigen und Portale verzichtet. Negative Erfahrungsberichte von Kunden in den einschlägigen Foren können unabhängig vom Wahrheitsgehalt andere abschrecken und da diese Foren meist anonym vom Ausland aus betrieben werden, hat man auch wenig Möglichkeiten, so etwas entfernen zu lassen.

Tobias:

Wenn du es in einen kurzen Satz von maximal 10 Worten fassen müsstest: inwiefern (wenn überhaupt) unterscheidet sich das Twittern von Nicht-Sexworkern von Deinem?

Jasmin :

Eigentlich gar nicht so sehr.

Tobias:

Mit deinen Erfahrungen von heute, würdest Du die Entscheidung “Ich twittere dazu und gehe damit offen um.” heute noch genauso treffen, oder würdest Du heute irgendetwas anders machen?

Jasmin :

Ich glaube nicht. Ein, zwei Fehler würde ich vermeiden; ein, zwei Tweets anders formulieren; ein, zwei toxische Accounts direkt blocken. Aber tatsächlich anders würde ich nichts machen, das wäre dann auch nicht mehr ich. Hätte ich beruflich eine andere Richtung eingeschlagen und würde jetzt zum Beispiel studieren, statt Sexarbeit zu machen, dann würde mein Account nicht groß anders aussehen. Statt Erlebnissen und grundsätzlichen Themen zu Sexwork wären dann andere Interessen ausgeprägter. Ich würde mich vielleicht fundierter mit Klimapolitik beschäftigen. Daneben gäbe es trotzdem spontane Wortspiele, Zimt, Fanta und Alltag. Anders könnte ich das gar nicht, mein Account spiegelt mich und mein Leben wider.

Tobias:

Hand aufs Herz, was macht Dir mehr Spaß: Zimttwitter, Kantinentweettwitter oder Sextwitter? 🙂

Jasmin :

Oje. Zimt ist ein tolles Gewürz und deshalb erwähne ich ihn gerne mal. Die Kantinentweets haben die Eigenschaft, schnell auszuufern, das kann durchaus anstrengend werden. Und nur über den Beruf zu schreiben? Wäre auch öde. Die Mischung machts.

Tobias:

Vielen Dank für Deine Zeit, Jasmin!

Digital Natives und Sexwork – wenn zwei Welten sich treffen

Anders als Kathy, mit der ich für Teil 1 dieser Interviewserie über ihre Nutzung des Internets, insbesondere von Social Media und ihrer eigenen Website, sprechen durfte, möchte Jasmin auf Twitter ganz gern anonym bleiben. Twitter ist für sie ein Ventil, um auch einfach mal Dinge loswerden zu können. Das ginge so, in der Form, nicht, wenn sie Twitter auch als Werbeplattform nutzen wollte. Für uns Leser ist das ganz praktisch, denn so erhalten wir einen interessanten Einblick in ihren Berufsalltag, den wir anders nicht erhalten hätten.

Dabei hat Jasmin quasi im Handumdrehen gemeistert, was Viele auch nach Jahren des Teilnehmens am Internet noch nicht beherrschen: Selbstmoderation. Was für mich als Community/Social Media Manager im Berufsalltag wichtig ist, wenn ich nicht den eigenen Account bediene, sondern die Funktionsaccounts unserer Produkte, ist für sie noch umso wichtiger: erst denken, dann posten. Ein falscher Tweet kann viel kosten: Geld, Kunden, Image. Eine Gratwanderung, die Jasmin perfekt meistert. Dabei kommt ihr sicher auch zu Gute, dass sie, noch viel mehr als ich mit meinen 40 Jahren und als early adopter, mit dem Internet, Smartphones und co. groß geworden ist. Wie es vor Google war z.B., eine Nummer für beispielsweise einen Taxidienst herauszufinden, wie Jasmin in einer ihrer Antworten beschreibt, kennen die Ältern unter uns ja noch zur Genüge: man rief entweder die Auskunft an oder packte ein großes, schweres Buch aus (Telefonbuch oder Gelbe Seiten). Dinge, für die es heutzutage Onlineversionen gibt, falls Google einem die richtige Antwort nicht ohnehin schon direkt anzeigt.

Klar wird auch bei Jasmin, dass Digitalisierung und “Online” einen hohen Stellenwert haben: ohne Internet zu arbeiten kann sie sich nur schwer vorstellen. Und selbst mit ihrem festen Kundenstamm: auf Anfragen online zu reagieren, Bewertungen zu prüfen und die Pflege ihrer Profile auf den gängigen Portalen sind wichtige Bestandteile ihres Alltags.

Von badidol

badidol wurde 1981 geboren. Er arbeitet seit fast 20 Jahren im und am Internet als Community Manager (fast 15 Jahre beim selben Arbeitgeber), Social Media Manager, Moderator und verkauft dabei Eskimos Kühlschränke. Er spricht fließend Sarkastisch. In der Jugend linke Socke, als junger Erwachsener eher sozialliberal und mittlerweile von konventionellen Schubladen genervt. Atheist, Pragmatiker und Realist.

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