Elon Musk hat es geschafft. Mehrfach wurde es debattiert, oft war es Gerücht, nun ist es Gewissheit: Twitter hat seinen Widerstand gegen die Übernahme aufgegeben und die Plattform gehört nun Elon Musk. Damit fügt Musk seinem bislang bereits beachtlichen Portfolio, zu welchem u.A. auch Tesla, Starlink und SpaceX gehören, nun eine weitere wichtige Sparte hinzu.

Musk und die Meinungsfreiheit

Meinungsfreiheit ist für Musk dabei die Triebfeder, sagt er. In einem Tweet zitiert er:

https://twitter.com/elonmusk/status/1518677066325053441

Musk sagt:

“Die freie Rede ist die Grundlage einer funktionierenden Demokratie und Twitter ist der digitale Marktplatz, auf dem Themen, die wichtig für die Zukunft der Menschheit sind, debattiert werden.”

Twitter

Darüber kann man nun, aus unterschiedlichen Gründen, geteilter Meinung sein. Zum Einen schreibt dies dem Kurznachrichtendienst eine Stellung zu, die er nicht zwingend hat und vielleicht auch nicht haben sollte. Man kann jedoch nicht leugnen, dass Twitter im Besonderen und Social Media im Allgemeinen, durchaus mittlerweile zu einem der Mittelpunkte der Meinungsbildung geworden sind. Wer sich auf welcher Plattform wie gibt, bestimmt mitunter schon mal die öffentliche Meinung zur Person. Häufig werden Standpunkte heutzutage auch nicht mehr hinterfragt oder selbst neu formuliert. Der simple, schnelle Retweet und die Übernahme von Tweets als Fakten werden mehr und mehr Standard. Die daraus häufig resultierenden sogenannten Fake News sind etwas, womit wir uns heutzutage mehr und mehr auseinandersetzen müssen.

Das Grundproblem wird hierbei schnell deutlich: hier stehen sich zwei grundsätzliche Bedürfnisse diametral gegenüber. Zum Einen das Bedürfnis nach Meinungsfreiheit und freier Rede. Man möchte seine Meinung frei äußern können. Zum Anderen das Bedürfnis, vor Falschinformationen geschützt zu werden. Nie war es so einfach wie heute, irgendetwas zu behaupten und diese Behauptung grundsätzlich Millionen von Menschen zugänglich zu machen. Früher bedurfte es hierfür noch einer gewissen Bekanntheit, dann kamen mit dem Internet Webseiten und Blogs hinzu. Mittlerweile benötigt man mit Twitter, Facebook und co. noch nicht einmal mehr eine eigene Webseite. Jeder kann über solche Dienste alles ins Netz stellen. Die Erwartungshaltung, man müsse von irgendwem (entweder vom Plattformbetreiber oder gar gleich vom Gesetzgeber) vor Falschinformationen geschützt werden, ist jedoch nicht unproblematisch. Sie öffnet Tür und Tor für Willkür, fehlgeleitete Automatismen und eigentlich unerwünschte Meinungssteuerung.

Mitdenken bleibt weiterhin erlaubt

Es ist natürlich verständlich: das Leben wird immer bequemer und convenienter und so ist es nur logisch, wenn man sich dieselbe Convenience auch im Bereich Informationen wünscht. Tatsächlich ist das aber weder die Aufgabe des Staats, noch die des Plattformbetreibers. Ganz davon zu schweigen, dass man sich mit der Aufgabe des eigenständigen Denkens auch gar keinen Gefallen tut. Meinungsfreiheit heißt halt auch, dass man ertragen muss, dass manche Menschen blöden, absurden Unsinn als Meinung haben und äußern. Meinungsfreiheit verbietet allerdings niemandem, selbst zu denken und Unsinn als Unsinn zu erkennen. Das macht Meinungsfreiheit zwar ein gutes Stück unbequemer, sorgt aber dafür, dass wir nicht dafür bestraft werden, Dinge anders zu sehen als andere Menschen. Und das ist schon ganz schön wichtig. So ist es in einer funktionierenden Demokratie mit Meinungsfreiheit zum Beispiel möglich, die Regierung öffentlich zu kritisieren. Versuchen Sie das mal in Nordkorea, China oder Russland.

Und genau darum geht es Musk im Grunde. Er möchte, dass Menschen Ihre Meinung frei und ungehindert sagen können. Er gibt sogar selbst zu, dass er das sehr extrem und radikal vertritt. Einen Hehl hat Musk daraus noch nie gemacht. Und tatsächlich kann es dazu auch unterschiedliche Ansichten geben. Nicht jeder setzt da dieselben Grenzen. So gibt es zum Beispiel Menschen, für die Meinungsfreiheit bedeutet, dass man grundsätzlich alles sagen dürfen muss. Bis hin zur Holocaustleugnung und weiter. Während die Einen sagen, generell dürfe keine Meinung illegal sein, sehe ich das etwas differenzierter.

Die im Grundgesetz verbriefte Meinungsfreiheit schützt das gewährleistete subjektive Recht auf freie Rede sowie freie Meinungsäußerung in Wort, Schrift, Bild und weiteren verfügbaren Übertragungs- u. Veröffentlichungswegen. Man darf durchaus auch unwahre Tatsachenbehauptungen und Fehlinformationen verbreiten.

Nicht jede Meinung muss zwingend auch wahr sein

So ist es zum Beispiel nicht illegal, zu behaupten, der Himmel sei gelbgetupft mit grünen Streifen. Das ist dann zwar albern, aber immer noch absolut erlaubt und von der Meinungsfreiheit gedeckt. Wenn eine Meinungsäußerung wiederum die Rechte Dritter einschränkt, verletzt oder in Frage stellt (oder gegen geltendes Gesetz verstößt), so kann dies natürlich Folgen haben. Das finde ich auch gar nicht so verkehrt. So kann ich z.B. durchaus auf rassistisches Gerede von “Untermenschen” und andere Geschmacklosigkeiten dieser Art durchaus verzichten und kann damit leben, wenn diese “Meinung” eingeschränkt wird.

Das ist natürlich auch kein simples Feld und ein zweischneidiges Schwert. Wie gewichtet man das? Wer entscheidet, was noch Meinung ist und was illegal sein sollte? Und auf welcher Basis wird das entschieden? Die eigentliche Frage ist am Ende jedoch eine Andere. Muss wirklich alles gesagt werden, oder sollten die Grenzen des guten Geschmacks, aber auch der Schutz der Rechte Dritter, doch klar geregelt sein? Während Elon Musk und Andere hier zu “Nein, alles muss gesagt werden können.” tendieren, tendiere ich eher zu o.g. Grenzen. Holocaustleugnung, Verbreitung nationalsozialistischer Rassenlehren und Propaganda zum Beispiel sehe ich nicht als schützenswerte Meinungsäußerung, sondern vielmehr als etwas, vor dem die Allgemeinheit zu schützen ist. Dabei ist mir natürlich bewusst, dass das kein perfektes System ist. Das wäre absolute Meinungsfreiheit á la “Man darf einfach prinzipiell alles sagen.” aber auch nicht. Vermutlich kann es auch kein perfektes System geben, denn jede Variante hinterlässt irgendjemanden unzufrieden.

Was ändert sich nun eigentlich?

Das ist – zum aktuellen Zeitpunkt – reine Spekulation. Musk hat zwar immer wieder klar und deutlich gesagt, was ihn an Twitter stört, aber das heißt nicht zwingend viel.

Als Jeff Bezos die Washington Post gekauft hat, haben auch erstmal alle das Schlimmste befürchtet und Angst davor gehabt, was der böse Milliardär wohl nun mit ihr macht. Die Washington Post hat es überlebt und sich letztlich nicht wirklich geändert, die Welt drehte sich weiter und im Grunde blieb alles beim alten. Die Chancen stehen schon ziemlich gut dafür, dass dies auch mit Twitter und Musk nicht anders laufen wird. Zum Einen wechseln CEOs und Inhaber bei größeren Firmen häufiger mal lustig durch, völlig ohne, dass der Endnutzer das überhaupt mitbekommt. Musk hätte sich Twitter auch völlig ohne diese Öffentlichkeit kaufen können. Und auch ein Elon Musk wird im Zweifel nicht 44 Milliarden $ ausgeben, nur, um das Ding dann gegen die nächste Wand zu fahren. Das sind ja keine Milliarden, die er mal so eben frei verfügbar herumliegen hätte. Das sind Kredite, die er basierend auf seinen Aktienwerten und sonstigem Vermögen, bekommen hat. Am Ende ist Musk übrigens auch Businessmensch. Als solcher wird er im Zweifel nicht auf Teufel komm raus Dinge durchziehen, von denen ihm Business Analysts und co. evtl. deutlich abraten werden. Ein völliges Umkrempeln der Plattform Twitter ist daher nicht wirklich zu erwarten.

It’s all about business, baby!

Spätestens, wenn irgendein Analyst die magischen Worte “I predict this will cost us x% of our user base.” sagt, wird auch Elon Musk nochmal darüber nachdenken. Dann nämlich, wenn weniger User auch weniger Einkommen bedeutet und x für Musk eine ausreichend beängstigende Größe annimmt. Dieses “Der hat genug Geld, den kümmert das nicht.” ist ein Irrglaube. Zum Einen, weil er dieses Geld wie gesagt gar nicht frei herumliegen hat. Zum Anderen aber, weil man kein erfolgreicher Businessmensch und Milliardär wird, indem man stetig Ding gegen Sinn und Verstand gegen jede Wand fährt, die sich einem bietet. Und Musk hat nun keinen so schlechten Track Record, was das angeht. Schlechte Businessentscheidungen kann man ihm nun wirklich nicht gerade nachsagen.

Musk polarisiert natürlich. Mit einem Vermögen von beinahe 270 Milliarden US-Dollar ist er aktuell der reichste Mensch der Welt. Das ruft Neider auf den Plan. Musk schafft es dabei auch, dieselben Mechanismen zu triggern, wie schon McDonalds und die BILD-Zeitung vor ihm. Früher hat man keine BILD gelesen und nicht bei McDonalds gegessen. Heute verlässt man eben Twitter, wenn Elon Musk es kauft. Wirklich durchziehen werden das die Wenigsten.

Abwarten und Tee trinken

Nichts wird so heiß gegessen, wie es gekocht wird. Zum Einen wird auch Elon Musk sich an geltendes Recht halten müssen, was bedeutet: auch er kommt am NetzDG, so unausgegoren und schädlich es ist, nicht vorbei. Gerade, weil das NetzDG nicht gut ist, könnte eine weniger automatisierte und mehr durchdachte Moderation der Plattform sogar zuträglich sein. Zudem ist es langfristig auch zu erwarten, dass Musk Besseres zu tun haben wird, als jede Kleinigkeit bei Twitter selbst zu entscheiden. Für so etwas hat man ein Executive Board, Projektleiter und, was Moderation und Support angeht, das Middle Management. Auch Elon Musk wird sich da nicht dauerhaft und überall selbst einmischen.

So oder so, auch, wenn Musk stetig und regelmäßig sagt, was er sich so alles vorstellt, so muss man das auch als genau das sehen, was es ist: seine Vorstellungen und Ansichten. Was davon nach Business Analysten, Meetings, Konzepten und co. noch übrig bleibt, weiß nicht einmal er selbst zum aktuellen Zeitpunkt.

Und wenn es eines gibt, dessen ich mir nach fast 15 Jahren Community und Social Media Management sicher bin, dann das: keine Spekulation überlebt das, was die Internetcommunity aus ihr am Ende macht.

Von badidol

badidol wurde 1981 geboren. Er arbeitet seit fast 20 Jahren im und am Internet als Community Manager (fast 15 Jahre beim selben Arbeitgeber), Social Media Manager, Moderator und verkauft dabei Eskimos Kühlschränke. Er spricht fließend Sarkastisch. In der Jugend linke Socke, als junger Erwachsener eher sozialliberal und mittlerweile von konventionellen Schubladen genervt. Atheist, Pragmatiker und Realist.

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