Wenn man sich aktuell umsieht, könnte man glatt meinen, viele hätten Orwells 1984 fälschlicherweise als Handbuch verstanden. Leider oft auch diejenigen, die sich auf der “richtigen Seite” wähnen und für Diversität, Gerechtigkeit und Soziales stehen und gegen Rassismus, Polizeigewalt und “zu viel Staat” kämpfen.

So will zum Beispiel Mars, der Lebensmittelriese aus den USA, zu dem auch die Marke “Uncle Ben’s” gehört, nun den freundlichen Schwarzen von der Packung verbannen, dessen Konterfei uns seit Jahrzehnten von der Packung freundlich anlächelt. Der Grund: diese Darstellung bediene rassistische Ressentiments und erinnere an Sklaverei. Sicher, ein wahrer Kern steckt schon darin, wie so häufig. So wurden tatsächlich die etwas besser gestellten Haussklaven Uncle bzw. Aunt genannt und fein ausstaffiert und entsprechend (aus)gebildet, damit sie im Herrenhaus herzeigbar waren.

Aber stellt das Logo auf der Reispackung tatsächlich wirklich zwingend einen solchen Haussklaven dar? Was ist eigentlich die Geschichte hinter Uncle Ben’s? Die Webseite der Marke selbst schildert sie so:

Der Legende nach war Uncle Ben ein afroamerikanischer Reisbauer in Texas, der seinen Reis mit besonders großer Sorgfalt erntete. Nach einiger Zeit wurde er in und um Houston dafür bekannt, Reis von höchster Qualität zu produzieren. Wenn ein anderer Reisbauer von seinem eigenen Reis sehr überzeugt war, sagte er: „Dieser Reis ist so gut wie der von Uncle Ben!“ So wurde der Name Uncle Ben zu einem Merkmal für exzellente Reisqualität.

https://www.unclebens.de/ueber-uncle-bens/tradition-und-geschichte

Es stellt sich mir allerdings eine Frage: wer sind nun wirklich die wahren Rassisten? Die Menschen, die eine Packung Uncle Ben’s sehen und sich außer “Oh, Reis.” nichts weiter denken? Oder die Menschen, die die Packung sehen und den freundlich dreinblickenden, schwarzen Mann lieber gestern als heute von der Packung verbannt sähen? Und wie passt das mit der vielgepriesenen Darstellung der Diversität und der bunt gemischten Gesellschaft zusammen, wenn wir auf der einen Seite bemängeln, es seien in Film, Werbung und TV nicht genügend Schwarze, Asiaten, Orientalische und co. zu sehen, aber auf der anderen Seite deren Abbildungen auf Lebensmittelpackungen oder “klar rassistische Darstellungen” in der Werbung etc. anmahnen und entfernen wollen?

Ein weiteres, gutes Beispiel dafür ist Paw Patrol. Paw Patrol ist eine Zeichentrickserie für Kinder, die niedliche, süße Hunde als Protagonisten hat. Aber selbst hier findet sich politisch Unkorrektes, wenn man nur lange genug sucht, scheint es. Manche fordern nun, die Serie abzusetzen; zur Begründung sagen sie, der Polizeihund “Chase” stelle die Polizei nicht kritisch genug dar.

Doch auch ältere Werke sind nicht vor dem Zorn der Aufrechten sicher. So ist zum Beispiel “Vom Winde verweht” nun ein Dorn im Auge derer, die die Zeitgeschichte gerne umschreiben würden, denn der Klassiker verherrlicht in deren Augen Sklaverei. Zur Begründung, warum sie den Klassiker aus dem Programm nehmen, sagte ein Sprecher von HBO:

„Vom Winde verweht“ sei „ein Produkt seiner Zeit und beschreibt einige der ethnischen und rassistischen Vorurteile, die unglücklicherweise in der amerikanischen Gesellschaft weit verbreitet waren“, sagte ein Sprecher von HBO.

https://www.faz.net/aktuell/feuilleton/medien/vom-winde-verweht-von-hbo-aus-dem-programm-genommen-16809227.html

Richtig. Ein Produkt seiner Zeit. In dem Kontext ist es auch wahrzunehmen und zu bewerten.

Forderungen und Aktionen wie diese reihen sich nahtlos in die aktuellen Bemühungen ein, ein möglichst “sauberes” und politisch korrektes Abbild der Gesellschaft zu erzwingen, indem man das, was man als rassistisch und moralisch verwerflich deklariert und damit nicht mehr dem Zeitgeist entspricht, rückstandslos entfernt. Indem man also genau das tut, was autoritäre Regimes in der Realität mit Kunst und Medien tun, die nicht der Staatsräson entsprechen: Zensur und Verbot. Man schreibt die Geschichte um, denn was nicht in den Geschichtsbüchern steht, ist ja bekanntlich auch nicht passiert. Ob man damit der Sache einen Gefallen tut, ist indes natürlich fraglich, denn Verdrängung und Verleugnung sind selten hilfreicher als Aufklärung, Erinnerung und Mahnung.

Orwells 1984 war keine Betriebsanleitung. Doppeldenk, Neusprech und das Herstellen einer stetig wechselnden, dem Zeitgeist passenden “Realität”, sind Pfeiler einer Diktatur und nicht Freiheit und Demokratie. Wer unliebsame Dinge lieber tilgt und streicht, als sie vernünftig und angemessen aufzuarbeiten, der ist dem, was er zu bekämpfen vorgibt, näher, als ihm lieb sein dürfte. Dass die “politisch Korrekten” kein Problem damit haben, Bücher, Filme, Statuen, Werbung, Serien und co. zu zensieren und auf den aktuellen Zeitgeist und das, was aktuell als politisch korrekt angesehen wird, anzupassen, besorgt mich mehr als antiquierte Assoziationen, die manch einer mit dem zu zensierenden Inhalt haben könnte. Viele der Aktionisten argumentieren dabei auch noch explizit damit, dass man mit der Zeit gehen müsse und schauen müsse, wie sich die Rezeption im Laufe der Zeit ändert und dann entsprechend Anpassungen vornehmen müsse. Wer es nicht merkt: das ist exakt das, was Orwell in der Szene beschreibt, in der Winston die Wahrnehmung eines früheren Helden der Nation retuschiert und ihn zu einer Unperson macht. Und das ist gefährlich.

Jemand, dem an Demokratie, Freiheit und Selbstbestimmung gelegen ist, kann das nicht wollen. Jemandem, dem unsere Werte und Vorstellungen davon, was Freiheit und Demokratie bedeuten, wichtig sind, muss es Sorge bereiten, wenn die angeblich “Guten” so bereitwillig Geschichte und Zeitzeugnisse umschreiben wollen, um sie einem Dogma anzugleichen.

Doch das Schlimmste von Allem ist: gegen Rassismus tut man damit nichts. Ob auf der Uncle Ben’s Packung nun ein Schwarzer freundlich lächelt, ein Weißer grimmig guckt oder man das Logo so ändert, dass gar kein Mensch mehr abgebildet wird, ändert absolut nichts an dem schwelenden Grundrassismus in der Gesellschaft. Auch die Versuche, alles gleichzuschalten und gleichzusetzen werden nicht erfolgreich den Rassismus besiegen. Sich zu weigern, anzuerkennen, dass es nun mal Unterschiede zwischen den Ethnien gibt und stumpf zu behaupten, wir seien alle gleich, ist Teil des Problems und nicht Teil der Lösung. Im Gegenteil, es verschärft das Problem noch und das völlig unnötig.

Von vielen, die wissen, dass ich ein Star Trek Fan bin, wird gern das Argument bemüht: “Aber schau doch Star Trek an. Da gibt es auch keinen Rassismus!”. Das ist zum Einen grundlegend falsch, denn Beispiele für Rassismus finden sich in Star Trek zur Genüge, gerade, wenn sich Rasse X mit Rasse Y bekriegt, ist oft am Ende einfach nur ausschlaggebend, dass Rasse Y halt nicht Rasse X ist oder umgekehrt. Zum Anderen hat Gene Roddenberry, der Erfinder von Star Trek, meines Erachtens bereits damals kapiert, was leider heute noch viele nicht begreifen:

If man is to survive, he will have learned to take a delight in the essential differences between men and between cultures. He will learn that differences in ideas and attitudes are a delight, part of life’s exciting variety, not something to fear.

https://beruhmte-zitate.de/autoren/gene-roddenberry/

Das Ziel sollte nicht sein, so zu tun, als gäbe es keine Unterschiede zwischen den Kulturen und Ethnien. Unser Ziel sollte sein, diese Unterschiede aktiver und bewusster wahrzunehmen, nämlich als das, was sie sind: eine Bereicherung und jeweils ein Teil des großen Ganzen.

Von badidol

badidol wurde 1981 geboren. Er arbeitet seit fast 20 Jahren im und am Internet als Community Manager (fast 15 Jahre beim selben Arbeitgeber), Social Media Manager, Moderator und verkauft dabei Eskimos Kühlschränke. Er spricht fließend Sarkastisch. In der Jugend linke Socke, als junger Erwachsener eher sozialliberal und mittlerweile von konventionellen Schubladen genervt. Atheist, Pragmatiker und Realist.

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